Wie heißt der ZWEIThöchste Berg Deutschlands? Es ist der Hochwanner – so unbekannt, dass der Weg auf seinen Gipfel nichteinmal beschildert ist. Dennoch ist er Teil meines Projekts #3RIESEN im Sommer 2015. Aber auch weltweit stehen die ZWEIThöchsten im Schatten der höchsten Berge. Zu Unrecht, wie „Seven Second Summits“, das Buch von Extrembergsteiger und -Abenteuer Hans Kammerlander, erzählt. Eine Buchbesprechung.

Insbesondere wenn es ums Bergsteigen geht zelebrieren manche Abenteuer-Bücher ja geradezu den lebensgefährlichen Grenzgang und triefen nur so vor Adrenalin und Risiko. Irgendwer hat zu mir einmal gesagt: Bei der Erstellung von Foto- bzw. Reisereportagen müsse man höllisch aufpassen, dass es keine – pardon – „Landschaftspornos“ – würden, Motto: Hier ein Foto „mit Berg“, dort eines „mit Fluss“ und als Steigerung dann noch eines mit „Fluss und Berg“. Ich fand das Wort ganz gut und habe beschlossen dem oben gescholtenen Buchgenre fortan das Prädikat – pardon nochmals – „Adrenalinporno“ zu verleihen. Weil es einfach nichts zu bieten hat als Adrenalinfeierei. Story? Dramaturgie? Botschaft? Fehlanzeige.

Dieses Buch funktioniert anders.

Nicht so das Buch „Seven Second Summits“. Denn es funktioniert anders. Dabei wurde es von einem der ganz Großen der Abenteuerzunft verfasst: Hans Kammerlander. Immerhin der erste, der den Mount Everest bestieg und per Ski wieder hinab fuhr und ganz nebenbei damit einen Speedrekord aufstellte – ohne Red Bull. Über diese Heldentat erfährt man in diesem Buch jedoch recht wenig. Kammerlander ist tiefenentspannt und hat einfach Spaß am Tun. Und er wundert sich immer wieder über eine Szene, deren Teil er jahrzentelang war und es natürlich immer noch ist: Die Szene der Elite- und Extrembergsteiger.

OK das große Literatenwerk ist auch dieses Buch nicht. Aber das sind solche Bücher selten und sie müssen es ja auch gar nicht sein. Dafür ist die Sprache von „Seven Second Summits“ sehr authentisch. Man meint den Autor beim Lesen seiner Zeilen selbst sprechen zu hören. Das macht alles „Gesagte“ echt und ehrlich.

Keine großen Ziele mehr.

Wie „Seven Second Summits“ entstand? Kammerlander plagte beim Abstieg vom K2-Gipfel, seiner letzten großen und bestandenen Herausforderung, die Angst vor einem Dasein als Outdoor-Frührentner ohne weitere Ziele. Die Jagd nach dem nächsten großen Riesen erschien ihm nach allem Erreichten einfach sinnlos. Und da ihn der K2 als ZWEIThöchster aber schwierigster Asien- bzw. Weltberg so richtig gefoppt hatte, begann er sich zu fragen, wie die übrigen ZWEIThöchsten der verbleibenden sechs Kontinente wohl so sein mögen.

Damit startete „Seven Second Summits“, seine Reise als erster Mensch auf die zweithöchsten Berge der Welt. „Das ist ja schon wieder ein Projekt an dessen Ende ein Rekord stehen kann“, mag man sich denken. Ja, stimmt. Aber so funktioniert die Szene nun einmal. Ohne Projekt keine Publicity, ohne Publicity keine Sponsoren, ohne Sponsoren kein solches Buch.

Glücklich, abseits des Hypes.

Wie auch immer: Kammerlander erkennt auf 264 Seiten und vielen tollen Fotos, dass nicht nur die ganz großen Berge etwas zu bieten haben, sondern auch diejenigen, die nicht im Scheinwerferlicht des großen Extremhypes stehen. So lernt er deren Abgeschiedenheit und Unerforschtheit zu schätzen und freut sich fast auf jeder Seite wie Schnitzel, dass oft außer seiner Expedition niemand sonst am Berg unterwegs ist. Er „wiederentdeckt“ die Wurzeln seines Sports könnte man sagen. Und wirkt dabei sehr glücklich.

Shitstorm.

Wie sehr muss es den Extrembergsteiger da schmerzen, dass ausgerechnet dieses Projekt für ihn wegen eines Orientierungsfehlers in einem wahren Mediendesaster endete – ein „Shitstorm“ an dessen Ende er wie ein vorsätzlicher Schwindler dastand? Man kann es als Leser nur erahnen. Beinahe grotesk wenn man bedenkt um was es dabei ging: Kammerlander, ein GPS-Muffel, hatte am riesigen Mt. Logan-Massiv (Nordamerika) wohl „aus Versehen“ einen um 36 (!) Meter niedrigeren Nebengipfel bestiegen. Dass dies möglich sein könnte, hatte er nach eigener Aussage von Anfang an auch nie bestritten. Gejagt wurde er von der Öffentlichkeit hingegen trotzdem und kehrte schließlich – dieses Mal mit GPS – entnervt zum Mt. Logan zurück, um den richtigen Gipfel zu erklimmen. Wen er hinter dem damaligen Shitstorm vermutet? Lest das Buch – viel Spaß!

Titel: Seven Second Summits
Autor: Hans Kammerlander
Preis: 14,99 €
ISBN: 978 3 492 40570 6
Verlag: National Geographic, Malik
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