Wenn es einen absoluten Gegenpol zu meinem Ansatz des #Adventuredahoam oder Projekten wie #3RIESEN gibt, dann sind es wohl die extremen Expeditionen von Gerlinde Kaltenbrunner an den Achttausendern dieser Welt. In ihrem neuen Buch „Ganz bei mir“ erzählt Kaltenbrunner warum sie macht, was sie macht und wie sie wurde, was sie ist: „Die beste Bergsteigerin der Welt“ (Profil). Eine Buchbesprechung.

„Was treibt Dich dazu, Dich regelmäßig dem Schicksalsroulette an den höchsten Bergen der Erde auszusetzen?“ Kaltenbrunner muss ähnliche Fragen unzählige Male gehört haben. Von ihren Freunden, ihrer Familie, ihrem Umfeld, Neidern… Und sie scheinen sie sehr beschäftigt zu haben. Denn in ihrem Buch versucht sie sich auf 374 spannenden und von der Alpinjournalistin Karin Steinbach flüssig verfassten Seiten redlich an Antworten.

Kein leichtes Unterfangen, denn der Tod scheint beim Höhenbergsteigen noch enger zum Leben dazu zu gehören, als in den Niederungen der restlichen Welt. So hat die gelernte Krankenschwester gefühlt wohl mindestens ebenso vielen Menschen im Himalaya das Leben gerettet, wie sie dort hat abstürzen oder sterben sehen. In nahezu jedem Kapitel hält man mindestens einmal kurz den Atem an oder legt das Buch weg, um durchzuschnaufen. Und man spürt beim Lesen: Auch an Kaltenbrunner selbst ging all dies nicht spurlos vorüber. Dennoch ist sie wie man weiß immer wieder in die Todeszone zurückgekehrt. Und wurde somit zur ersten Frau der Welt, die alle vierzehn Achttausender ohne Sauerstoff und Höhenträger gemeistert hat. Eine unglaubliche Leistung.

Und ein unglaubliches Glück. Denn hätte der Hängegletscher unter dem Kaltenbrunner am K2 mit mulmigem Gefühl gezwungen war zu queren in diesem Moment – wie übrigens schon öfter – gekalbt: …lassen wir das. Man muss es ja nicht nachmachen, denkt sich der naturbegeisterte Nichthöhenbergsteiger, nippt am Rotwein und blättert um. Dennoch: Wie hält man solche Situationen da oben vor Ort überhaupt aus? Kaltenbrunner würde vermutlich antworten: „Wenn mein Bauchgefühl stimmt, mache ich weiter, wenn nicht steige ich ab. Alles andere ist Schicksal. Auch im Tal kann Dir etwas passieren.“

Kaltenbrunner hat als Kind das Bergsteigen übrigens von ihrem lokalen Dorfpfarrer – genannt „der Herr Pfarrer“ – gelernt. Vielleicht hat ihr Hochwürden dabei ja auch gleich beigebracht, was echte Demut bedeutet? Oder wird man automatisch so Schicksalsergeben, wenn man einen Großteil seiner Zeit in einer solch atemberaubenden Landschaft zubringt?

Die Großartigkeit des Himalaya ist es wohl auch, die Kaltenbrunner das Gefühl schenkt ganz bei sich selbst, oder wie es ihr Buchtitel ausdrückt „ganz bei mir“ zu sein. Sie scheint für diese Art von Beruf jedenfalls geboren. Und dies nicht nur psychisch, sondern auch physisch. So trägt sie den Spitznamen „Cinderella Caterpillar“ seit sie kasachische Bergsteiger – echte Männer – davon überzeugt hat, dass auch zierliche Frauen schnell ihren Weg durch hüfthoch verschneite Achttausender-Hänge auf den Gipfel finden. Ohne Sauerstoff versteht sich.

Name: Ganz bei mir

Autor: Gerlinde Kaltenbrunner
Verlag: Malik
Preis: 14,99 €
ISBN: 978 3 492 40541 6
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