Irgendwann packt es scheinbar jeden! Gleich ob Bergfreak, Outdoor-Fan, Gelegenheitswanderer oder Sportler: Eine Tour auf den Gipfel der Zugspitze. Natürlich gibt es einsamere oder sportlich anspruchsvollere Ziele. Aber eben keine höheren – zumindest nicht in Deutschland.

Und so habe auch ich mich auf den Weg gemacht.

Klar: Wenn viele rauf gehen, ist´s oben recht voll – es lockt der „Höhenrekord“. Da ergeht es dem Dach Deutschlands wohl ähnlich, wie dem Dach der Welt. Noch dazu wenn neben diversen Wander- und Kletterrouten auch eine bequeme Seil- und Zahnradbahn den Gipfel erschließen. Aber trotz eines kleinen Kulturschocks – ich kam direkt von einer mehrtägigen Hüttentour per Bike durch einsame Karwendeltäler – wurde mein Trip ein unvergessliches Erlebnis. Und dies in mehrfacher Hinsicht.

Als Teil einer kleinen Gruppe hatte ich vor, den Gipfel in zwei Tagen über die Reintalanger-Route zu besteigen. Das Wetter war prächtig, nachdem uns kurze Zeit zuvor noch horizontaler Regen aus dem Karwendel vertrieben hatte. Und so ging´s vom Garmischer Olympiastadion gemütlich vierzehn Kilo- und knapp tausend Höhenmeter durch die spektakuläre Partnachklamm (Eintritt) und weiter entlang des gleichnamigen Flusses bis hin zur gemütlichen Reintalangerhütte – einer Art „Basislager“ für Zugspitzerstürmer auf 1.400 Metern.

Also los!

Am nächsten Morgen gab´s zum Frühstück erstmal: Nichts. Dichter Nebel verhüllte das enge Reintal und erlaubte kaum den Blick zum nächsten Baumwipfel. Was tun? Zur Zugspitze sind es von hier laut Wirt fünf bis sechs Stunden Gehzeit durch zunehmend alpines Gelände. Erste Zweifel durchzogen die Gruppe und ein paar Umkehrer verließen mit einem frustriert gemurmelten „ohne mich“ bereits die Hütte in Richtung Tal. Aber da, ein Lichtstrahl! Er fiel auf den Boden und erlaubte einen kurzen Blick auf blauen Himmel. Ein Zeichen? Der nachfolgende Telefonanruf auf dem Gipfel ergab: Oben ist es schön, trotz Höhenwolken gute Sicht bei zehn Grad. Also los!

Rückfall auf knapp 3.000 Metern.

Irgendwie ließen das Höhenfieber und die plötzlich einsetzende Gruppenhektik bei mir wohl alte Bewegungsmuster aus meiner Zeit als Racebiker erwachen. Denn da wegen Nebels eh nichts zu sehen war, gab ich ordentlich Gas und fiel – erst an der Spitze einer kleinen Gruppe, später allein – alsbald in eine Art Bergtrance. Ein Gefühl, das wohl alle Radrennfahrer kennen, wenn sich die anfänglichen Schmerzen am Berg erstmal verflüchtigt haben. Jedenfalls fühlte ich mich prächtig, die Sicht wurde besser und schon an der Knorrhütte konnte ich in 2.000 Metern Höhe auf das soeben durchstiegene Nebelmeer unter mir blicken. Unglaublich!

Weiter ging´s mit ordentlich Tempo durch immer karstigeres Gelände bis ich schließlich völlig durchgeschwitzt mit meinen Teleskop-Stöcken und Trailrunning-Schuhen im Schnee auf dem Zugspitzplatt stand. Hinter mir war weit und breit niemand mehr zu sehen, vor mir lagen die letzten rund dreihundert Höhenmeter in Form einer kompakten Felswand mit Klettersteig zum Gipfel. Puh!

Nun jedoch machten sich mein Tempo und die ungewohnte Höhe bemerkbar: Ein leichter Brummschädel und etwas erhöhter Puls trübten die Sinne. Und mein Gewissen meldete sich auch: Ich hatte es wieder getan – die wunderschöne Landschaft zur stumpfen Kulisse meines Leistungstriebes verkommen lassen. Pfui! Eigentlich hatte ich doch damit aufhören wollen (siehe früherer Blogpost)! Aber gut: Der Motor war nun schon mal warm und ich lag super„in der Zeit“ (hallo?). Mit etwas Stehvermögen war der „Gipfelsturm“ (halloo?) in deutlich unter drei Stunden statt derer fünf bis sechs zum Greifen nah. Also trat ich noch einmal voll aufs Gas und stand schließlich nach insgesamt 2:45 Gehzeit völlig fertig und zitternd vor dem Münchner Haus in der Schlange neben freundlichen Mit-Touristen, um mein alkoholfreies Weißbier entgegenzunehmen. Ich genoss die Sonne. Und begann ernsthaft zu grübeln, wo ich wohl die „15 Minuten“ (hallooo?) hatte liegen lassen, die ich nun über der halben offiziellen Mindestgehzeit lag. Waren vielleicht die anfänglichen Pausen mit der Gruppe daran schuld? …OK, so sieht wohl ein klassischer Rückfall aus.

Wer „Nein“ sagen kann ist klar im Vorteil.

Aber glücklicherweise kehrte die Vernunft an diesem Tag doch noch zurück. Denn meine finale Besteigung des goldenen Gipfelkreuzes ließ ich bewusst ausfallen: Der Steig war eisig und mein Konzentrationsvermögen durch den „Ritt“ dafür einfach zu mitgenommen. Macht nix, wie sagten schon die großen Everest-Alpinisten? Nur wer im Zweifel „Nein“ sagen und umkehren kann, hat eine Chance heil zurückzukommen. Eben. Und so nahm ich glücklich und zufrieden die Seilbahn ins Tal.

Anreisetipps: Nach Garmisch mit dem Auto (Parkplatz am Olympiastadion), oder dem Zug (Haltestelle Kainzenbad). Weitere Anreisen über Flugzeug (München) und Zug oder Mietwagen: Hier gibt es seit kurzem die Searchplattform „GoEuro“, über die man sämtliche Verkehrsmittel aufeinander abstimmen und buchen kann: http://www.goeuro.de. Noch ein Tipp: Für die Reintalangehütte (http://www.reintal.de) Betten äußerst frühzeitig vorbestellen!