Wie lange ist Euer Arbeitsweg? Laut der Zeitung TZ pendeln die auf dem Land wohnenden Deutschen im Schnitt täglich neunzehn Kilometer zur Arbeit. Neunzehn Kilometer, einfach. Mit dem Auto kein Problem.
Aber zu Fuß?
Ein Halbmarathon. Einfach. Bei jedem Wetter.
In den Westlichen Wäldern bei Augsburg hört man immer wieder davon. Da war zum Beispiel die Besenbinderin, die von Waldberg aus jede Woche und bei jedem Wetter nach Augsburg auf den Markt lief, um dort ihre Waren zu verkaufen. Waldberg – Augsburg, das sind knapp vierundzwanzig Kilometer durch Feld, Wald und Wiesen. Einfach. Da war aber auch der Maurer, der täglich (!) von Strassberg nach Augsburg auf Baustellen lief. Und abends nach seinem Job wieder nach Hause. Immerhin noch knapp zwanzig Kilometer einfach, je nachdem wohin.
Kaum zu glauben. Jeden Morgen ein Halbmarathon, um zur Arbeit zu kommen. Oft beladen mit Waren, oder einen Bollerwagen hinter sich herziehend. Und abends das gleiche wieder zurück.
Wie fühlt sich das an, bei Dunkelheit durch die Wälder vom Dorf in die Stadt zu laufen?

Kurzentschlossen mache ich mich selbst auf den Weg, um das herauszufinden. Es ist Samstag fünf Uhr, als mein Wecker klingelt. Nur zum Vergleich: Die Waldberger Besenbinderin ist da schon eine Stunde vor Augsburg, denn der Markt begann dort bereits um sechs. Ich hingegen schäle mich „erst“ jetzt verschlafen aus den Federn, schnappe meinen Rucksack und laufe bereits wenig später durch unser noch stockdunkles Dorf, meine leicht verwundert dreinblickende Hündin Lilli an meiner Seite.
Vor mir liegen knapp achtzehn Kilometer, zumeist entlang der Wertach. Und ob ich das nachher auch wieder zurücklaufe, weiß ich noch nicht. Ich bin ja eher Biker als Läufer. Außerdem bin ich das Laufen auf flachem und hartem Untergrund, zumeist Teer oder Forstautobahnen, nicht wirklich gewöhnt, wie ich am Abend noch feststellen werde.

Ein Auto schiebt sich aus der Garage und vor mir die enge Gasse entlang. Seine Scheinwerfer werfen bizarre Schatten an die Scheunenwand gegenüber. Sonst ist niemand unterwegs. Wenig später schimmert bereits der Morgen durch die dicht über dem Lechtal hängenden Wolken und färbt die Landschaft mit jeder Minute blauer. Es sieht nach Regen aus.
Morgenrot im Norden? Das kann nicht sein.
Ich verlasse das Dorf und bin auf dem Weg zur Wertach, als mir zum ersten Mal der rötliche Glanz am nördlichen Horizont auffällt. Morgenröte im Norden? Erst stutze, dann verstehe ich: Augsburgs Schein aus Millionen von Lichtern, reflektiert durch die Wolkendecke. Kaum anzunehmen, dass die Besenbinderin damals einen ähnlich hellen Wegweiser am Himmel hatte. Ein paar Gas- oder Öllampen brennen weniger hell als unzählige LEDs.
Endlich biege ich von der Straße ab. Von jetzt an geht es bis kurz vor dem Ziel nur noch die Wertach entlang. Es ist niemand zu sehen. Ob sich die Marktfrauen damals auf ihrem nächtlichen Weg wohl in Gruppen zusammengeschlossen haben? Zu hoffen wäre es.

Zwanzig nach sechs: Mein erster Mensch! Ein Angler hat die Nacht im Zelt am Stausee verbracht. Verwundert blickt er mich an, bis er letztlich meinen gemurmelten Morgengruss erwidert.

Die Wertach könnte so aussehen wie damals. Seit der Renaturierung nach einem katastrophalen Hochwasser hat sie ein paar ihrer natürlichen Kurven und Stromschnellen wiedergefunden. Ich finde das steht ihr gut und lege eine kurze Pause ein. Eine Ente paddelt meckernd aus dem Schilf als sie merkt, dass ich nicht einfach weitergehe. Von Lilli droht ihr keine Gefahr. Sie hat es eher auf meinen Landjäger abgesehen. Außerdem hat sie nach einem einschneidenden Erlebnis der Entenjagd abgeschworen. Als junger Hund ist sie bei einem besonders kühnen Manöver einmal in den winterlichen Ammersee gefallen.

Individualisten unter sich.
Trippelnde Geräusche, da hinter dem Busch! Meister Reineke, ein Reh, oder ein Dachs? Neugierig linse ich um die Ecke: Eine etwas ältere Joggerin, dreht sich wie ein kleines Mädchen rasend schnell um sich selbst, die Arme wie eine Tänzerin ausgebreitet, auf dem Gesicht ein entrücktes Lächeln. Als Lilli irritiert zu bellen beginnt, verliert die arme Frau vor Schreck fast das Gleichgewicht, lächelt peinlich berührt und geht ihrer Wege. „Individualisten unter sich“ schmunzle ich und setze meinen Weg fort.

Zwischenzeitlich ist es hell geworden, ich habe Inningen erreicht und mir fällt auf: Wenn Menschen so früh in der Natur unterwegs sind, so hat das heute wohl eher weniger mit klassischer Arbeit zu tun – ich treffe nur Jogger, oder Hundebesitzer. Das bleibt auch so, bis am Stadtrand von Augsburg die ersten „Berufs-Radfahrer“ mit Rucksack oder Aktentasche auf dem Gepäckträger erscheinen.

Graffiti an einer Trafostation. Die Großstadt hat begonnen und die Geräusche von Feld, Wald, Wiese und Fluss sind dem Autoverkehr gewichen. Oben auf der B17-Brücke ist der endlose Strom von Autos bereits in vollem Gange. „Der durchschnittliche Mensch vom Lande pendelt neunzehn Kilometer täglich – mit dem Auto“, erinnere ich mich. Noch 2,4 Kilometer bis ins Zentrum. Ich kann den Cappuccino am Marktplatz schon riechen. Auch ich bin ja kein Arbeits-, sondern ein Freizeitläufer.
Blumen, Obst, Gemüse: Der Markt ist in vollem Gange!
Nun ist mein Weg an der Wertach zu Ende. An einer Ampel packe ich meine Teleskopstöcke in den Rucksack und nehme Lilli an die Leine, denn sie ist die Stadt nicht gewöhnt. Die Leine allerdings auch nicht, wie ihr missmutiger Blick verrät. Aber als uns im Tunnel unter dem Bahnhof ein lautes Motorrad passiert, erfüllt die Leine ihren Zweck und stoppt ihre Panikattacke noch deutlich vor der Bordsteingrenze.
Der Markt ist bereits im vollen Gange, als ich vom Theater kommend durch das Tor biege und auf den Platz laufe. Überall bunte Zeltdächer, Blumen, Gemüse, Obst – und Marktfrauen. Ob sie wohl noch Kolleginnen kennengelernt haben, die ihre Waren aus dem Umland zu Fuß hierher gebracht haben? Ich frage sie nicht, denn alle sind beschäftigt. Überhaupt scheinen die Geschäfte gut zu laufen. Und das trotz Zeiten in denen Discounter das Preisgefühl prägen und den Einkauf auf einem Markt heute, was man so hört, eher Luxus als Alltag sein lassen. Das ist doch erfreulich.

Ich setze mich in ein Café an der Gemüsegasse und sehe dem Treiben noch ein wenig zu. Eine zierliche Japanerin beschwert sich wortreich über die Qualität von Frischblumen. Der Marktmann sieht das anders und verteidigt seine Ware in vehementem Bayrisch. Lilli döst zu meinen Füßen in der Sonne. Die Bedienung ist bereits ihre beste Freundin: Es gab Leckerlis.
Ich unterdrücke ein Gähnen und reibe mir mein Knie. Den selben Weg jetzt wieder zurücklaufen? Heute nicht. Nur wenig später steige ich am Augsburger Hauptbahnhof in die bereits wartende Regionalbahn nach Bobingen und erwische dort sogleich den Bus, der mich ins benachbarte Strassberg bringt.
Vier Stunden hin, zwanzig Minuten zurück – wie sich die Zeiten doch verändert haben. Respekt vor jedem, der diese Strecke früher regelmäßig laufen musste.

Dieser Beitrag ist anlässlich der ersten Augsburger Blogparade entstanden.