Immer wieder werde ich gefragt, warum ich zu meinen Touren keine GPS-Tracks oder Downloads anbiete. Zum Teil entspinnt sich in den einschlägigen Foren aus solchen Fragen geradezu eine Glaubensdiskussion pro und contra GPS. Erinnerungen an die mit harten Kontroversen verbundene Lagerbildung in der Kletterszene werden wach: Die einen gehen ohne, die anderen mit Hilfsmitteln auf den Berg. Wer macht es richtig? Ein Urteil darüber maße ich mir nicht an. Die Leistung der Puristen allerdings beeindruckt mich persönlich mehr.

Und so kann ich auch in unserem Sport dem reinen Erlebnis mehr abgewinnen, als dem Komfort-Paket. Aber: Outdoornavis sind nun mal längst ein fester Bestandteil der Szene. Deshalb sind an ein Outdoor-Portal gerichtete Wünsche nach GPS-Tracks auch völlig in Ordnung. Und so möchte ich gerne auf dieses Thema an dieser Stelle ausführlich eingehen.
Meine Touren sind keine strikten Routenvorgaben
Zunächst: Ich möchte meine Touren nicht als strikte Routenvorgaben verstanden wissen, sondern als Korridore für eigene Erlebnisse. Sie sollen dazu motivieren, sich das eine oder andere Gebiet selbst einmal näher anzusehen. Die am Wegesrand verborgenen Highligts mit anderen Augen wahrzunehmen. Selbst in ein eigenes, kleines Abenteuer zu starten. All dies dann gerne mit meiner Tour als Inspiration, Basis und Sicherheit für eine attraktive und berechenbare Wegführung. Der Sinn eines GPS Track Angebots auf diesem Blog relativiert sich vor diesem Hintergrund für mich also bereits hier.
Habe ich den Begriff „Abenteuer“ erwähnt? Da wären wir auch schon beim Kern der Sache: Habt Ihr schon mal darüber nachgedacht, warum Ihr aufs Rad steigt – was wollt Ihr erleben? Reizt Euch eher das messbare Sporterlebnis vor natürlicher Kulisse, mit präziser Wegführung, genauer Vorausberechnung der Ankunftszeit und Aufzeichnung aller Daten? Oder sind es mehr die möglichst unverfälschte Auseinandersetzung mit der Natur, die Freiheit und das sportliche Abenteuer vor Eurer Türe die Ihr sucht – verbunden mit dem Risiko in Sachen Wegführung auch mal total daneben zu liegen?
Mich für meinen Teil reizt letzteres ungemein. Ich will das Abenteuer. Dieses allerdings lebt von Spannung. Und die, habe ich gelernt, kommt nur auf, wenn ein Rest an Ungewissheit bestehen bleibt: Über den richtigen Weg, die korrekte Orientierung, die genaue Position, die erforderliche Zeit und körperliche Selbsteinschätzung. Es gibt für mich keine Abenteuer ohne Ungewissheit. Wohlgemerkt: Ungewissheit – nicht Gefahr für Leib und Leben.
Das Bike als Abenteuergerät
Natürlich steigern Hilfsmittel wie GPS den Komfort auf einer Biketour ungemein. Aber Komfort ist weder das, was ich hier bieten will, noch das was ich selbst beim Biken suche. Denn Komfort haben wir alle doch schon den ganzen Tag im Büro, zu Hause oder im Auto. Dort schätze ich übrigens das Navi ungemein. Weil es mich ohne Zeitverlust ans Ziel bringt. Aber: Will ich in meiner Freizeit beim Biken wirklich irgendwo ohne Zeitverlust ankommen? Ein Bike ist doch ein Abenteuergerät, kein Fortbewegungsmittel. Umso besser also, wenn´s mal wieder etwas länger dauert.
Wenn also das Finden des richtigen Weges in der Natur bereits das Ziel ist, reduzieren Tools wie GPS den Spaß beträchtlich. Insbesondere in gut besiedelten Regionen, die eh schon von vorne bis hinten mit beschilderten Wegen, Sendemasten und Infotafeln erschlossen sind. So wird man gerade in unseren Breiten schnell merken: Es ist manchmal gar nicht so einfach die Ungewissheit zu bewahren, die man für ein kleines Abenteuer braucht.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich gibt es spezielle Projekte oder Gebiete, wo ein Navi die Überlebenschancen deutlich steigert. Nur liegen letztere nicht in Zentraleuropa. Hier kann man auch unbekannte Reviere relativ sicher ohne den einfachen Download von GPS-Tracks aus dem Internet  entdecken. Man muss sich vorher nur mit dem Territorium einmal etwas eingehender auseinandersetzen. Das macht übrigens nicht nur Spaß, sondern steigert auch die Vorfreude auf das neue Terrain. Google Earth und passende Karten sind hier sehr zu empfehlen.
Abenteuer starten an der nächsten „falschen“ Abzweigung
Ich selbst hatte bislang auf Touren immer dann die intensivsten Erlebnisse, wenn irgendetwas nicht so lief wie anfangs geplant: Im falschen Tal gelandet, die Abkürzung die keine war, der nicht gefundene Weg, die kurzzeitig verlorene Orientierung, die leere Wasserflasche oder der Hungerast, weil ich mich mal wieder total in der Tourlänge oder im Schwierigkeitsgrad verschätzt hatte. Dies alles gehört genauso zu meinem Erlebnisschatz, wie der anfangs vielversprechende Weg in Schweden der zwar vom Hammertrail zur dreistündigen Tragepassage wurde, mich dafür jedoch an einen traumhaften See (s. Bild oben) führte. Inklusive das tolle Gefühl, dort vielleicht der bislang einzige Biker gewesen zu sein.
All diese sogenannten „Ungereimtheiten“ sind für mich der Stoff, aus dem später die wertvollsten Erinnerungen, Reportagen oder Tourberichte werden. Die einzigen (bescheidenen) „Abenteuer“, die in unseren geregelten und zivilisierten Breiten noch möglich sind, sofern man nicht die ganz verrückten Dinge tut. Der National Geographic Abenteurer Alastair Humphreys nennt so etwas Microadventure – ein Abenteuer, das jeder jederzeit und ohne große Mühen erleben kann. Schalte ich aber alle Ungewissheiten nun mit jedwedem Hilfsmittel aus, werden sich weder das abenteuerliche Erlebnis, noch der Stolz einstellen den man verspürt, wenn man solche Herausforderungen aus eigener Kraft überstanden hat. Genau das aber ist es, was mich immer wieder auf Tour gehen und neues erkunden lässt. Wie gesagt: Gerne mit dem Risiko auch einmal völlig daneben zu liegen.
In diesem Sinne: Viel Spaß, denn auch Euer Abenteuer könnte an der nächsten „falschen“ Abzweigung beginnen!